Geboren 20. Mai 1921 in Hamburg-Eppen‐ dorf. Volksschüler, Oberrealschüler, theater‐ begeistert, will zur Verwunderung seiner El‐ tern Schauspieler werden, schreibt als Sieb‐ zehnjähriger sein erstes Theaterstück und verlässt im Dezember 1938 die Schule.
Und trotzdem trägt unsere Schule den Na‐ men des einst schlechten Schülers. Etwas Ordentliches sollte er lernen, Buchhändler wird er; aber 1941 nach doch bestandener Prüfung vor der Reichstheaterkammer end‐ lich Schauspieler mit sofortigem Engagement an der Landesbühne in Lüneburg.
Ab 1942 gerät Borchert in die Mühlen der Nazimilitärgerichte. Immer wiederkommt er wegen „heimtückischer Angriffe auf Staat und Partei“ und wegen angeblicher „Zersetzung der Wehrkraft“ ins Gefängnis oder zur „Feindbewährung“ an die Front, bis er endlich im März
1945 bei einem Einsatz im Raum Frankfurt/Main von französischen Truppen ge‐
fangen genommen wird. Ihm
gelingt die Flucht. Am 10.
Mai 1945 kommt Wolfgang
Borchert gezeichnet durch
schwere Fieberanfälle und Gelbsucht in sei‐ ne zerstörte Heimat-stadt Hamburg.
„Ein Mann kommt nach Deutschland“ – Beck‐ mann, die Kreatur mit der Gasmaskenbrille, mit der ulkigen Frisur, mit einem Humpelbein, einem Weihnachtsmannmantel und mit der Verantwortung – der Verantwortung, die der Krieg einem jungen Menschen aufgebürdet hat.
So schreibt er denn im Spätherbst des Jah‐ res 1946 sein eindringliches Stück „Draußen vor der Tür“, gezeichnet von der Krankheit, die ihn ans Bett fesselt und zum Wendepunkt in seinem Leben wird. Niemals verlässt ihn der Mut, er schreibt Gedichte und Geschich‐ ten voller Hoffnung an das Leben, Texte von Licht und Liebe, von Laternen und Mädchen und von seiner Stadt Hamburg. An die Stelle der heiteren Verdrängung tritt das schreiben
de Sich-Einlassen mit der eigenen Vergan‐ genheit.
Am 13. Februar 1947 wird im NWDR das Hörspiel „Draußen vor der Tür“ gesendet. Es hinterlässt ein so gewaltiges Echo in den Stuben Deutschlands, dass in den darauf folgenden Tagen ergreifende aber auch ab‐ lehnende Hörerbriefe den Sender im Norden erreichen:
„Ich bin einer, der auch mit einem Kahlkopf heimkehrte. Sie, Herr Borchert, haben unser Inneres aufgewühlt, all das, was uns fast wahnsinnig macht. Ich war froh, daß ei‐ ner von uns gesprochen
hat.“ (Köln, 15. Februar 1947, Siegfried Brall) Dann geht alles sehr schnell, Bor‐ cherts Gesundheitszustand verschlechtert sich, und so stirbt er am 20. November 1947 im Baseler St.-Clara- Spital. Einen Tag nach sei‐ nem Tod hat sein Stück „Draußen vor der Tür“ Pre‐ miere in den Hamburger Kammerspielen, von wo es seine Botschaft in viele Theater und Sprachen der Welt antritt.
Für die Jugend nach 1945
bis heute hinterlässt Borchert als letzte Schrift sein „Manifest“. Dort schreibt er:
„… wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht Nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Pro‐ test. Unser Manifest ist die Liebe. Wir wollen die Steine in den Städten lieben, unsere Stei‐ ne, die die Sonne noch wärmt, wieder wärmt …“
Am 27. Februar 1981 hatte das Stück „Drau‐ ßen vor der Tür“ auch an unserer Schule Premiere. Die eindrucksvolle Darstellung des Heimkehrerdramas durch die Schüler der Theater-Arbeitsgemeinschaft hinterließ Spu‐ ren des Nachdenkens gleichwohl bei ihnen selbst als auch bei ihren Eltern und Lehrern, bei Freunden und Bekannten der Schule. In vielen Gesprächen und Diskussionen wird mehrheitlich der Wunsch geäußert, dass unsere Schule den Namen jenes Hamburger
Dichters, Wolfgang Borchert, tragen könne. So legt die Theater-Arbeitsgemeinschaft durch die SV der Schulkonferenz den Antrag für die Namensnennung vor. In der von Tho‐ mas Lilienthal, dem damaligen Beckmann- Darsteller, und mir verfassten Antragsbegrün‐ dung heißt es u.a.:
„Seine Werke schildern leicht zugänglich und eindrucksvoll Probleme, die gerade für Schü‐ ler wichtig sind. Genauso wie die heutige Jugend suchte auch Wolfgang Borchert, der
seine Geschichten in einem Alter schrieb, das dem eines Oberstufenschülers nahe kommt, eine Gesellschaft, geprägt von Ver‐ nunft, Wahrheit, Frieden und Liebe, bestimmt durch das Streben nach Menschlichkeit. Von jedem Einzelnen fordert Borchert den Mut, sich für diese Ideale einzusetzen.“
Seit Mai 1982 darf sich unsere Schule Wolfgang-Borchert-Gymnasium nennen!
Hans Jürgen Heller